Saisoneröffnung: Mozart Plus (2012)

Montag, 14. September 2012

Kongresshaus Rosengarten

 

Henschel Quartett

Christoph Henschel, Violine
Daniel Bell, Violine
Monika Henschel, Viola
Mathias Beyer-Karlshøj, Violoncello

Wolfgang Amadeus
Mozart

Quartett B-Dur KV 458
„Jagdquartett“

 

Leos Janácek

Quartett Nr. 1 „Die Kreutzersonate“

 

Franz Schubert

Quartett d-Moll D 810
„Der Tod und das Mädchen“

 
 
 

Das Henschel Quartett ist für die Coburger eine Konstante: keine Kammermusikvereinigung spielte bei den Musikfreunden in den 100 Jahren des Bestehens öfter als dieses Ensemble. Wenn die Henschels das Projekt „Mozart plus…“ eröffnen, ist es ihr 9. Auftritt im Kongresshaus seit dem 26.09.1994 – damals übrigens auch mit Mozart: dem Dissonanzen Quartett KV 465. In jenem Jahr hatte sich das Ensemble mit Mathias Beyer-Karlshøj als neuem Cellisten formiert. Seit 2011 ersetzt nun Daniel Bell, ehemals Mitglied des Petersen Quartetts, Markus Henschel an der 2. Geige. Neben der internationalen Konzerttätigkeit widmet sich das Quartett auch anderen Bereichen: es ist Botschafter für SOS-Kinderdorf e.V. und engagiert sich für den musikalischen Nachwuchs durch intensive Lehrtätigkeit, sei es an Universitäten und Musikhochschulen oder das Engagement beim Verein „Freunde des Henschel Quartetts“. Darüber hinaus betreut Christoph Henschel seit 2011 als Professor eine Violinklasse der Universität Augsburg.


www.henschel-quartett.de | www.freundefuerkammermusik.de

 
 
 

Neue Presse vom 26. September 2012

EIN HIMMLISCHER AUFBRUCH
Das Henschel-Quartett eröffnet die 100. Konzertsaison der Gesellschaft der Musikfreunde. Mozart frönt der Jagdlust, Schubert fiebert hochromantisch und Janácek schildert mörderische Szenen einer Ehe.


VON BERND SCHELLHORN

Kurz nach der Ansprache des ersten Vorsitzenden Josef Schaschek, der die 100. Konzertsaison der Gesellschaft der Musikfreunde eröffnete und Vorfreude erweckte auf die nächsten Konzerte, kurz nach dieser Rede betritt also das Henschel-Quartett die Bühne, setzt sich und sofort – mit der ersten „Fanfare“ aus Mozarts Streichquartett B-Dur („Jagd-Quartett“) – beginnen die Beine und Füße dieser Ausnahmemusiker einen Tanz, strecken sich elegant, biegen sich angespannt über die Sohlenkante, trippeln nonchalant auf den Zehen, schweben ätherisch über dem Parkett und klacken forsch mit dem Absatz den Takt oder – vehement und hochkonzentriert – Akzentuierungen des Notentextes mit.

Noch bevor der Akkord, die gefühlvolle Kantilene, der virtuose Lauf erklingt, hat sich alle musikalische Struktur bereits angekündigt: Über die Bewegung ruft ein jeder der vier Musiker kleinste eingeübte Nuancen ab, formt einen differenzierten und agogisch ausgefeilten Einzel-Klang und stellt diesen in die Gesamtheit des Streichquartetts. Die Klang-Kunst des Zusammenspiels entsteht eben aus den Instrument-typischen Formant-Klängen: Federnd erklingt der Aufstrich von zweiter Violine und Bratsche auf den unbetonten Zählzeiten.

Feinsinnig legt das Cello ein leichtes Bassgerüst als versteckten Kontrapunkt unter die leggero gespielten Kantilenen der ersten Violine, um diesen den Raum zum Atmen zu geben und das klassizistische Leuchten zu erhalten. Mozart lebt dergestalt interpretiert auf. Seine musikalischen Gedankengänge funkeln. Seine Akzente schaukeln sich – vorher unerhört und nachher als unerhört neu empfunden – durchs Menuett. Langgehaltene Töne finden nach intonierter Klarheit im Entstehen über ein späteres Vibrato zur sanglichen Emotion.

Musikalisches Mahnmal

Bei Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen“ hingegen legen die Musiker die nötige Statik in die hochromantische Akkordik und stellen dagegen eine ätherische Fahlheit, einen Bogen-Hauch aus der Nähe des Stegs. Die Variationen entstehen fast spröde-choraliter und finden dann zu emotionaler Tiefe. Das Scherzo lockt diabolisch und verführt im Mittelteil in ein gläsern klingendes Paradies, das sich im Finale aber als trostlose Illusion erweist und sich unisono und um Atem ringend ins Nichts zerbricht.

Mittelpunkt und Höhepunkt des Konzerts aber ist die spektakuläre Interpretation des ersten Streichquartetts von Leo Janácek. Als sinnlich-emotionaler Kontrapunkt zieht die (in Notentext transformierte) Sprache in die Komposition ein, faucht, zischt, empört sich, verhandelt, bandelt an, schreit, seufzt, und lügt so lange, bis sie abgestochen wird. Sterbend wird sie ehrlich, dann lächerlich und schließlich aufgebahrt als Mahnmal für künftige Generationen, die ebenfalls in der Mehrdeutigkeit der Sprache verloren sein werden.

So präzise Janácek jede Emotion der Worte in Klang umwandelte und die Komposition „reden ließ“, so akkurat interpretiert das „Henschel Quartett“ die elegant-tödliche Ausweglosigkeit ehelicher Szenerie: „Die Musik ist etwas Ungeheuerliches,…, sie bewirkt Selbstvergessen, versetzt mich in eine andere Welt…“, bekennt der eifersüchtige Mörder in Leo Tolstois Erzählung (und Janáceks Kompositions-Vorlage) „Die Kreutzersonate“ zutiefst verunsichert. Das Henschel-Quartett zeigt uns trotz des Verlustes aller rationalen Bodenhaftung aber die himmlischen Horizonte in aller Musik. Ein großer Abend im Kongresshaus, ein Aufbruch in dankbarem Beifall.

 
 
 

Coburger Tageblatt  vom 26. September 2012

HÖCHSTE EKSTASE,  BEGEISTERTER BEIFALL
Wie das Henschel-Quartett den Saisonauftakt der „Gesellschaft der Musikfreunde Coburg“ zur Sternstunde werden lässt.


VON GERHARD DEUTSCHMANN

Bereits zum neunten Male gastierte das Henschel-Quartett – inzwischen auch Ehrenmitglied – bei den Coburger Musikfreunden und darf sich geradezu als „Quartett in Residence“ bezeichnen.

Nach wie vor begeistert das Ensemble durch sein Können und traumhafte Interpretationen seine Zuhörer, die im gut besuchten Kongresshaus Spitzenwerke von Mozart, Janácek und Schubert in spannender, engagierter Wiedergabe erleben durften. Auch der seit einem Jahr als Nachfolger von Markus Henschel als 2.Violinist agierende Daniel Bell zeigte sich technisch wie musikalisch bestens integriert in das Ensemble mit Christoph Henschel (1.Violine), Monika Henschel (Viola) und Mathias Beyer-Karlshøj (Violoncello) und musiziert auf gleicher Wellenlänge.

Temperamentvolles Finale

Hieß das Motto der Quartettkonzerte in den vergangenen Jahren „Beethoven plus…“, so lautet es ab dieser Saison „Mozart plus…“, sollen doch die letzten zehn Meisterwerke dieser Gattung des Wiener Klassikers sukzessive zur Aufführung gelangen. Den Anfang machte das Henschel-Quartett mit dem „Jagd-Quartett“ B-Dur KV 458, das seit 30 Jahren nicht mehr in Coburg zu hören war. Es ist das vierte der sechs Joseph Haydn gewidmeten Quartette, die in den Jahren 1782 bis 1785 als „Frucht einer langen und mühevollen Arbeit“ entstanden. Frisch und zupackend, dabei auch dir lyrischen Gegensätze auskostend, gingen die „Henschels“ das Werk an, gestalteten das ausgesprochen melodisch konzipierte Menuetto gefühlvoll – wie auch das tiefsinnige Adagio – und setzten mit dem musikantischen Kehraus des Finales einen temperamentvollen Abschluss.

„Mozart im Kontext zu den Werken anderer Meister“ heißt es im Programm. Eine exemplarische Weiterentwicklung der Quartettkunst und somit Gegenüberstellung zu Mozart bildete das kühne, expressive 1. Streichquartett „Die Kreutzersonate“ von Leos Janácek. Beethoven mit seiner „Kreutzersonate“ und Tolstoj mit seiner gleichnamigen Novelle standen hier Pate.

Kurze Motive, schmerzhafte Dissonanzen, bizarre Rhythmik, grelle „sul ponticello“-Wirkungen und exzessive Steigerungen bis zu höchster Ekstase prägen die vier stetsmit „Con moto“ bezeichneten Sätze. Mit leidenschaftlichem Engagement stürzten sich die Künstler in die stürmischen Wogen dieses diffizilen Werks, schöpften seinen Klangfarbenreichtum intensiv aus und gestalteten es bei präzisem Zusammenspiel wie aus einem Guss.

Beethoven als Zugabe

Ein weiteres anspruchsvolles Gipfelwerk der Quartettliteratur stand nach der Pause auf dem Programm: das Streichquartett d-Moll D 810 „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert. Auch hier beeindruckte zutiefst das stilistische Einfühlungsvermögen der Protagonisten, das nahtlose Zusammenspiel, die breite dynamische Skala und der große gestalterische Bogen, der sich durch alle Sätze zog.

Nach lang anhaltendem, begeistertem Beifall gab es als stillen, besinnlichen Ausklang nach dem wilden Finalsatz des Schubert-Quartetts die stimmungsvolle „Cavatina“ aus Opus 130 von Ludwig van Beethoven.